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Bach trifft Folk: «Stjerneklang» Andreas Liebig verlegt die Weihnachtschoräle in eine norwegische Winternacht

VON THOMAS KLINGEBIEL Gütersloh. Ein auf den ersten Blick recht überraschendes Crossover: Bachs Weihnachts-Choräle auf einer CD, sozusagen Bit an Bit, neben norwegischem Folkgesang. Die Produktion mit dem vielversprechenden Titel «Stjerneklang», aufgenommen von dem aus Gütersloh stammenden Organisten Andreas Liebig und der norwegischen Folksängerin Sinikka Langeland, ist jedoch (auch) musikhistorisch stimmig.

Denn sämtliche Stücke der CD, Bachs Weihnachtschoräle aus dem «Orgelbüchlein» (BWV 599-612), aus den «Leipziger Chorälen» (BWV 660 und 661) und seine berühmten «Canonischen Veränderungen» über «Vom Himmel hoch da komm ich her» (BWV 769) sowie die traditionellen norwegischen Volksgesänge, basieren auf denselben uralten Advents- und Weihnachtshymnen. Die Melodien zu «Puer natus», «In dulci jubilo» oder «Nun komm, der Heiden Heiland» durchwanderten vor bis zu anderthalb tausend Jahren zunächst Europa und gelangten schließlich auch an die Peripherie des Kontinents, nach Norwegen. Dort bilden sie bis heute einen lebendigen Teil der Volkskultur.

Es ist schon eine faszinierende Hörerfahrung, diese beiden so unterschiedlichen Ausprägungen desselben musikalischen Materials, Bachs geniale Kontrapunktik und die charakteristischen Melismen und natürlich-temperierten Skalen des Volksgesangs nebeneinander, zuweilen sogar parallel bestaunen zu können. Andreas Liebig (40), der Anfang der 90er Jahre in Gütersloh die ersten «Russischen Kulturtage», Vorläufer des heutigen «Forums Russische Kultur», ins Leben rief, hat die insgesamt 43 Stücke der CD in thematische Blöcke gegliedert. Ein fünfteiliger Zyklus zu «Kom, du Folke-Frelser Sand» bildet den Auftakt: Zunächst erklingt das Choralvorspiel «Nun komm, der Heiden Heiland» (BWV 659), Höhepunkt der «Leipziger Choräle», dann singt Sinikka Langeland vier Strophen des Lieds auf Norwegisch, gefolgt von Bachs Trio BWV 660 über dieses Thema, ebenfalls aus den «Leipziger Chorälen». Eine Vokalimprovisation der fünften Strophe, gesungen über den «Nun komm…»-Choral aus dem «Orgelbüchlein» und Bachs dritte Bearbeitung des Chorals aus den «Leipziger Chorälen» (BWV 661) bilden den Abschluss dieses ersten Teils – ein vielschichtig- vertiefendes Klangerlebnis. Gleiches gilt ohne Abstriche auch für die folgenden Zyklen, bis hin zum krönenden Finale mit Bachs überirdisch-schönen, kurz vor seinem Tod komponierten «Canonischen Veränderungen» über «Vom Himmel hoch, da komm ich her». Andreas Liebig, seit Jahren in Norwegen lebender, mit internationalen Preisen ausgezeichneter Organist, stellt seine frappierende Technik in jedem Takt in den Dienst eines auch inhaltlichen Ausdrucks dieser einzigartigen Musik. Er spielt auf der legendären historischen Barock-Orgel von Joachim Wagner im Nidarosdom zu Trondheim, deren Klang hier beeindruckend eingefangen ist. Sinikka Langelands farbenreiche Stimme gibt den bekannten Melodien, zum Beispiel «Jesu, du min glaede» – Jesu meine Freude, etwas von der Archaik ihres Ursprungs zurück und lässt sie so neu entdecken.

Im November und Dezember haben Langeland und Liebig ihre bemerkenswerte Klangreise zum Weihnachtsstern in Oslo, Lillehammer, Berlin, Chicago und Minneapolis konzertant vorgestellt. Bis sie ihren «Stjerneklang» auch in Ostwestfalens Kirchen aufgehen lassen, ist man mit der CD bestens versorgt.

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